Vom Mut – Schulleiterrede zum Abitur 2025
Liebe Eltern, liebe Mitmenschen, ehemalige Schüler:innen, liebe anwesende Kolleginnen und Kollegen, insbesondere, liebe Tutorinnen und Tutoren,
liebe Menschen, woran werden Sie sich nach Ihrer Schulzeit erinnern? Vielleicht an ein paar Lehrende, an das Gebäude und natürlich und vor allem an Mitschüler:innen. An Sternstunden, an Aktivitäten außerhalb des Unterrichts, an Klassenfahrten, etwa an eine Kursfahrt, aus der hoffentlich gelernt wurde.
Die Wahrheit ist: Langfristig erinnern wir uns oft an wenige konkrete Inhalte oder gar Unterrichtssituationen. Vielleicht erinnern Sie sich auch an den Dathe-Spirit. Was ist das überhaupt? Ist es die insgesamt harmonische und tolerante Atmosphäre im Haus? Der urban-intelligente und spontan-pragmatische Vibe? Die Fähigkeit der Schüler:innen, situationsadäquat zwischen „Diggah“ und „Sehr geehrte Frau Dr.“ zu wählen?
Selbstverständlich werden Sie sich an Lehrpersonen erinnern, die Sie in speziellen Situationen unterstützt haben, in einer Krise ansprechbar waren, ob als Klassenlehrer:in oder Vertrauenslehrer:in.
Vielleicht erinnern sie erst in Retrospektive, dass es weniger ein ernstzunehmender zwölfjähriger Klassenkampf (Ihr Abi-Moto!) als ein ziemlich gutes Miteinander war.
Ich erinnere eine Geschichte aus meiner Schulzeit, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Die Erfahrung ist mir präsent, als hätte ich sie gestern gemacht: Es war die Zeit des propagierten politischen Klassenkampfes, in der sich zwei wirtschafts- und gesellschaftspolitische Systeme unversöhnlich gegenüberstanden. Aus Sicht der Regierenden in „meinem“ Land.
Es ist diese eine Geschichte, an die ich mich immer und immer wieder erinnere. Eine Situation, in der ich mein eigenes Handeln bzw. Nicht-Handeln noch immer tief bereue. War mein Nicht-Handeln alternativlos? Damals schien es mir letztlich so. Heute weiß ich: Nein, ich hätte anders handeln können und sollen, aber am Ende fehlte mir der Mut.
Es war ein Pausenhof, ähnlich wie der Innenhof des Dathe-Gymnasiums. In jenem Land war es üblich, seine Loyalität zum Staat durch die Mitgliedschaft in staatlichen Kinder- und Jugendorganisationen zu bekunden. Es war wieder einmal soweit: Wir sollten einer Jugendorganisation beitreten. In den Wochen vor der feierlichen Zeremonie, dem sogenannten Appell, überkam mich ein innerer Widerstand gegen dieses Ritual, denn es war mir nicht plausibel erklärt worden. Ich entschied mich dazu, diesmal nicht nach vorn zu gehen, also nicht mitzumachen.
Ich wandte mich an Erwachsene, u.a. meine Eltern und den Priester in meiner Kirchengemeinde. Aber ich erhielt keine Rückendeckung, die mich in meiner Haltung ultimativ bestärkt hätte. In der Schule gab es keinen Diskurs. Im Gegenteil: Nachdem ich in einer Klassenstunde angedeutet hatte, dass ich diesmal nicht dabei wäre, klingelte am Abend das heimische Telefon und meine Klassenlehrerin gab meinen Eltern zu bedenken, dass eine Verweigerungshaltung in dieser Frage mit Sicherheit dazu führen würde, dass sich mein Berufswunsch nicht erfüllen könnte. Dieser Anruf verstärkte eigentlich meine Absicht, diesmal nicht systemtreu mitzuspielen. Der Tag rückte näher.
Die Klassen versammelten sich auf dem Pausenhof, die Zeremonie begann, die Klassen wurden aufgerufen, in meinem Kopf das Bild des einzigen Schülers, der stehen bleibt.
Ich blieb nicht stehen, sondern ging mit allen anderen nach vorn. Mir fehlte der Mut.
Es ist diese eine Szene aus meiner Schulzeit, die mir nicht aus dem Kopf geht.
Eine sehr kurze Zeit später wurde durch den Fall der Mauer das Ende des politischen Klassenkampfes eingeläutet. Es hieß gar, der Zerfall des sowjetischen Machtblocks sei das Ende der Geschichte.
Die Geschehnisse um den Mauerfall machten mir schließlich einmal mehr bewusst, dass wir überall in der Gesellschaft Menschen brauchen, die mutige Entscheidungen treffen und handeln. Und seither bewundere ich Menschen, die mutig sind und trotz gesellschaftlicher Restriktionen und Einschüchterungen ihre Standpunkte vertreten.
Kommentare der Korrigierenden in Ihren Abiturarbeiten lassen darauf schließen, dass Sie über die Voraussetzungen für mutige Entscheidungen verfügen: Sehr differenzierte Betrachtung, stimmig, sehr fundiert, hervorragend und konsequent umgesetzt, mutige Betrachtungsweise, über die Erwartungen hinausgehend. Aus dieser theoretischen Kompetenz muss nun nur noch Handlungskompetenz werden.
Die Grundlage dieses Handelns ist die freiheitlich demokratische Grundordnung und der Erhalt dieser. Und diese verpflichtet auch Schule, in jeder Situation Stellung zu beziehen und Kräfte, die von dieser Ordnung abweichen oder sie gar vernichten wollen, beim Namen zu nennen. Gleichzeitig sollen wir Personen und Gruppen hervorheben, die freiheitliche Grundwerte und Tugenden verteidigen. Also: Beim Einsatz für freiheitliche Grundrechte ist das Neutralitätsgebot doch keine Option.
Ihr Jahrgang hatte am Dathe-Gymnasium einen Impact. Sie haben gewirkt. Ihr Jahrgang hinterlässt eine positive Stimmung. Sie haben das Schulleben belebt. Begonnen hat es mit einem Winterball, den Sie organisierten. Viele weitere Aktionen und Veranstaltungen anderer Jahrgänge folgten.
Inzwischen stehen regelmäßig Schülergruppen vor unseren Büros und wollen diese und jene Aktivität organisieren. Schüler:innen in den jüngeren Jahrgängen beraten sich, wie das Programm für ihre Motto-Woche aussehen könnte, denn Ihre Motto-Woche war für viele ein besonderes Ereignis. Sie war ein Fest für die Schulgemeinschaft. Daran können die nächsten Generationen anschließen. Symbolisch übergebe ich Ihnen hiermit das Dathe-Zertifikat für besondere Leistungen für das DatheGymnasium.
Mein Wunsch ist: Machen Sie weiter. Bringen Sie sich an neuen Orten ein. Fürchten Sie nicht den Diskurs, denn erst der Diskurs generiert die beste Lösung mit den meisten Profiteuren. Streiten Sie nach innen und harmonisieren nach außen. Hören Sie nicht auf, mehr wissen und können zu wollen. Schließlich zwingt Sie die Schule nun nicht mehr in organisatorische Korsetts.
Ab jetzt können Sie sich nur noch selbst einschränken bzw. einengen. Es kommt eine der besten Zeiten Ihres Lebens. Und wenn Sie nach Richard Feynman merken, dass Sie die Schlausten und Mutigsten im Raum sind, ist es der falsche Raum. Gehen Sie in den nächsten. Nur so werden Sie intellektuell und zivilisatorisch wachsen. Werden Sie misstrauisch, wenn Sie zur Unauffälligkeit aufgefordert werden.
Heute ist Ihr Tag. Aber es ist auch der Tag, DANKE zu sagen. Viele Lehrer:innen und Mitarbeitenden haben Ihnen das Rüstzeug für die nächste Phase Ihres Lebens mitgegeben.
Ich bedanke mich bei den Tutor:innen, den Fachlehrer:innen und bei Frau Dr. Bäurle für die reibungslose und geräuschlose Organisation des Abiturs 2025. Und auch bei den stillen Helden, bei Frau Kauschka, Frau Vogel, Conny und Laila und Herrn Gatter, die Sie über viele Jahre im Hintergrund begleitet haben.
Ich gratuliere Ihnen zum bestandenen Abitur. Jede/r hat auf ihrer/ seiner individuellen Ebene eine besondere Leistung vollbracht und geht nun den nächsten Schritt. Und deshalb haben wir uns entschieden, eine Kleinigkeit für alle zu organisieren als große Preise für wenige Absolvent:innen.
Kehren Sie immer gerne zurück, um den Zusammenhalt im Jahrgang zu zelebrieren. Erzählen Sie uns von Ihrem neuen Lebensabschnitt, von Ihren mutigen Entscheidungen und von mutigem Handeln, zum Beispiel am 10.10.2025, dem Datum des zweiten Alumni-Abends am Dathe-Gymnasium. Sie sind herzlich eingeladen.
- Es gilt das gesprochene Wort -
